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Illustrationen von Christa Estenfeld

Fußlos


In einem Dorf in Thailand gab es ein Kind, das hieß Fußlos. Zwar hatte es Füße, aber diese berührten nie den Boden. Sie waren klein wie Tierpfoten, und die Beine schienen nicht lang und kräftig genug, um den Körper tragen zu können. Vielleicht kam dies daher, daß die Mutter es immer und überall auf dem Rücken mit sich herumschleppte, zur Arbeit auf den Reisfeldern, auf den Markt und zum Tanzen. Obwohl das Tragen von kleinen Kindern in Thailand Sitte ist, hat diese Frau es maßlos übertrieben.
Als Fußlos ein Jahr alt war, bekam die Mutter ein weiteres Kind. Sie legte Fußlos aber nun nicht zuhause in der bequemen Hängematte ab, sondern band sich das Neue noch zusätzlich vor die Brust, schaute bald nach dem Säugling, bald nach Fußlos auf ihrem Rücken und küßte beide Kinderköpfchen, das kleinere wie das größere, das sich über ihre Schulter fest an ihren Hals schmiegte.

Fußlos schrie auf, zum ersten Mal in seinem Leben, voll Angst vor dem ungewohnt neuen Pferdchen, das er nun statt seiner Mutter reiten mußte. Und in dem Tiger wuchs die Angst vor einem Unheil, das er sich selbst eingehandelt hatte. Nicht Hunger und Durst bedrückten ihn jetzt, er raste davon und schüttelte sich, um den Teufel selbst, in einer seiner vielen Gestalten, abzuwerfen.
Er stürzte sich in das dichteste Unterholz, und Bambusstangen schlugen auf ihn ein, schnellten zurück und trafen ihn wieder. Hartes Gras streifte messerscharf an seinem Bauch entlang. Abgerissenes Laub und Splitter von gebrochenen Zweigen prasselten auf ihn herab. Manches davon traf auch Fußlos. Doch gummiartige Blätter blieben an ihm kleben und schützten ihn. Fußlos drückte seinen Kopf in die langen Nackenhaare des Tigers, suchte dort Zuflucht und bekam immer weniger Luft zum Atmen.
Irgendwie mußte er diesen Todesgalopp überstehen. Und so stieß er immer wieder gegen das Ohr des Tieres den Satz aus, den sich seine Mutter mehrmals am Tag vorgesagt hatte: „Nur nicht auf den Boden fallen lassen!“ Den Tiger kitzelte die dünne Menschenstimme in den Gehörgängen, bald wurde ihr heller Ton zu einer seltsamen Art von Schmerz. „Nur nicht auf den Boden fallen lassen“, schrie Fußlos. „Du Wicht, das könnte dir so passen“, verstand der Tiger. Es klang wie eine schreckliche Drohung.

Noch vermißte Fußlos die Luft zum Atmen nicht besonders. Hoch über ihm schien jemand das Tageslicht zu löschen. Je tiefer er kam, desto mehr braune Fetzen wirbelten an ihm vorüber, ein kalter Nebel zog zähe Schlieren im Wasser, und seine Finger berührten quallige Brocken. Ihm fiel ein, daß er nicht schwimmen konnte und daß er ertrinken könnte.
Endlich stieß er auf Grund, auf etwas Hartes. Wäre das Wasser hier nicht so teerschwarz gewesen, hätte er sehen können, daß es eine alte, weggeworfene Blechbüchse war. Zufällig war diese von einer Wasserratte zur geheimen Vorratskammer erwählt worden. Kleine tote Fische, faulige Küchenabfälle, all das, was Ratten nach längerem Lagern besonders gut schmeckt, steckte in ihrem rostigen Inneren. Die Ratte schwamm mehrmals täglich dorthin, nur, um an ihren Schätzen zu riechen.
Auch jetzt schwänzelte sie gerade heran. Obwohl sie Fußlos für einen räuberischen Hecht hielt, ging sie mutig zum Angriff über. Sie trat und boxte um sich, daß es den Eindringling hochwirbelte. Sie paddelte ihm geschickt nach, um ihn mit einigen Bissen zu belehren, ja nicht wiederzukommen. Da sah sie, daß es ein Menschenkind war, gegen das sie kämpfte und ließ das Beißen sein.



Textausschnitte und Illustrationen aus: Christa Estenfeld „Fußlos“, 1987
Drei Kindergeschichten (für Kinder und Erwachsene)
„Fußlos“, Der Junge im Turm“, „Die sprechende Puppe“